Mit freundlicher Unterstützung von Innocence in Danger Deutschland e.V.

PRESSEBEREICH


Neues von Innocence in Danger

 

Innocence in Danger Austria wird 2015 die Arbeit aufnehmen, mit Workshops und Internetschulungen für Kindergärten, Schulen und sozialen Einrichtungen. Es wird spezielle Angebote  für Kinder, Jugendliche, Eltern, LehrerInnen, SozialpädagogInnen, SozialarbeiterInnen, BeraterInnen, pädagogisches Fachpersonal und andere Interessierte geben.

 

PRESSEMITTEILUNG

In Österreich eröffnet eine neue Sektion des internationalen Netzwerks Innocence in Danger, zum Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexuellem Missbrauch im Netz. Sie will aufklären, die Prävention verbessern und Betroffenen helfen.

750.000 Pädokriminelle sind laut UN und FBI jederzeit online. Täter und Täterinnen arbeiten mit allen Tricks. Gleichzeitig gefährden sich Jugendliche, indem sie sich in Online-Games, Messenger-Apps und sozialen Medien exhibitionieren. Viele Jugendliche veröffentlichen Nacktfotos von sich im Netz. 75 Prozent der Jugendlichen kennen eine Person, die bereits einmal ein erotisches Selfie verschickt hat. Eltern kämpfen mit einer Volksinitiative dafür, das Thema „Handy- und Internetnutzung von Kindern und Jugendlichen“ intensiver zu behandeln.

 

Die Präsidentin des österreichischen Vereins ist Prinzessin Elisabeth von Auersperg-Breunner. Sie setzt sich dafür ein, dass die Präventionsmaßnahmen zum Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexuellem Missbrauch und sexueller Ausbeutung in österreichischen Schulen flächendeckend angeboten und umgesetzt werden. „Als Mutter weiß ich, wie ohnmächtig sich Eltern oft bei all den Risiken fühlen, denen ihre Kinder und Jugendliche im Netz begegnen. Als Präsidentin von Innocence in Danger Austria will ich mit einem starken Team über Cybergrooming und digitalen Exhibitionismus aufklären – und Kinder und Eltern stark machen“, sagt Elisabeth von Auersperg-Breunner.

 

Die Hauptaufgaben von Innocence in Danger Austria sind Aufklärung und Prävention. „Die Zahl der Erstklässler, die bereits mit der Schultüte ein Handy geschenkt bekommen, steigt explosiv an. Besonders im Kindergarten und in der Volksschule muss Gewaltaufklärung und –prävention in den Fokus rücken“, sagt die Geschäftsführerin von Innocence in Danger Austria, Dr. Ursula Gottweis.

 

Innocence in Danger wird Präventionsprojekte des erfolgreichen deutschen Chapters in Österreich anbieten. Das wird zum Bespiel „Smart User Peer2Peer“ sein, das als hochinnovatives Projekt zur Gewaltprävention ausgezeichnet wurde. Mit „Smart User Peer2Peer“ werden Jugendliche und Erwachsene so ausgebildet, dass sie Freunde, Bekannte und SchulkollegInnen über die Möglichkeiten und Gefahren des Netzes aufklären. Innocence in Danger Austria will…

 

  • die Öffentlichkeit für Anzeichen von sexuellem Missbrauch sensibilisieren und ein Hilfetelefon einrichten
  • die Sicherheitsstandards gegen sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen in digitalen Medien verbessern
  •  mit den politischen und administrativen VertreterInnen in Österreich zusammenarbeiten
  • in Österreich eine Plattform einrichten, in der Kinder und Jugendliche selbst Projekte zur Förderung ihrer Sicherheit im Umgang mit dem Internet entwickeln

 

Innocence in Danger International ist eine unabhängige Non-Profit Organisation, die von Homayra Sellier 1999 gegründet wurde, um Kinder und Jugendliche vor Missbrauch und sexueller Ausbeutung, insbesondere durch die neuen Medien zu schützen.

 

Innocence in Danger Austria

Präsidium:

Prinzessin Elisabeth von Auersperg-Breunner

Baronin Theresa von Wackerbarth

Herbert Kloiber jun.

Prof. Dr. Wolfgang Sperl

Dr. Friedrich Christian Flick

Prof. Dr. Leonhard Thun-Hohenstein

 

Kontakt:

Innocence in Danger Austria

Gonzagagasse 15

1010 Wien

u.gottweis@innocenceindanger.at

A new branch of Innocence in Danger, devoted to the protection of children and adolescents from sexual abuse on the internet, is being established in Austria. The aim is to educate and improve prevention and also offers support to those affected.

750.000 criminal paedophiles are online at any given time, according to the UN and the FBI. Perpetrators use every thinkable trick to approach their victims. Simultaneously, teenagers are endangering themselves by revealing private information online; in games, messenger apps and social media. Many adolescents publish nude images of themselves on the internet. 75% of young people know someone who has already shared an erotic selfie. Austrian parents joined in an initiative to draw more attention to “the use of mobile phones and internet by children and adolescents”.

 

 

The President of the Austrian subsidiary is Princess Elisabeth of Auersperg-Breunner. She strives to ensure that preventive measures to protect children and adolescents from sexual abuse and exploitation are offered and implemented nationwide at schools in Austria.

 

 

“As a mother, I know how powerless parents often feel in the face of all the risks that their children encounter on the internet. As the President of Innocence in Danger together with a strong team, I want draw attention to cyber grooming and digital exhibitionism and empower children and parents”, states Elisabeth of Auersperg-Breunner.

 

 

The main task of Innocence in Danger Austria is education and preventive measures. “The number of children who are given mobile phones before their first day of school (particularly in kindergardens and primary schools) is increasing alarmingly. We need to focus on the implementation of education and the prevention of violence”, says Austria’s Innocence in Danger chief executive, Dr. Ursula Gottweis.

 

 

Innocence in Danger is going to offer prevention projects here in Austria, as already launched by the successful German branch, for example “Smart User Peer2Peer”, which was awarded as highly innovative in preventing violence. Along with the “Smart User Peer2Peer” project, adolescents and adults are trained to educate friends, acquaintances and schoolmates in the benefits of the internet – as well as its risks. Innocence in Danger Austria wants to…

 

raise public awareness of the signs of sexual abuse and set up a helpline

improve safety standards against sexual abuse of children and adolescents in digital media

collaborate with the political and administrative representatives of Austria o create a national platform for children and adolescents to develop projects promoting the safe use of the internet Innocence in Danger International is an independent non-profit organisation, founded by Homayra Sellier in 1999, to protect children and adolescents from abuse and sexual exploitation, particularly in new media.

 

Innocence in Danger Austria

Board:

Prinzessin Elisabeth von Auersperg-Breunner

Baronin Theresa von Wackerbarth

Herbert Kloiber jun.

Prof. Dr. Wolfgang Sperl

Dr. Friedrich Christian Flick

Prof. Dr. Leonhard Thun-Hohenstein

 

Contact:

Innocence in Danger Austria Gonzagasse 15

1010 Wien

u.gottweis@innocenceindanger.at

06.09.2014 | 16:28 | von Katrin Nussmayr (Die Presse)

Es beginnt ganz privat: Verliebte schicken einander intime Bilder, am Ende hat sie die ganze Schule gesehen. Mit den Folgen des Sexting kämpfen in Österreich hunderte Jugendliche. Oft vergeblich: Das Internet vergisst nicht.

Eine 12-Jährige schickt einem 13-jährigen Burschen ein Oben-ohne-Foto, um ihm zu gefallen. Doch er behält das Foto nicht für sich. Ein anderes Mädchen dreht ein Selbstbefriedigungsvideo – es wird in der Schule publik. Ein weiteres Mädchen wechselt die Schule, nachdem ein Video, das ihre Vergewaltigung zeigt, verbreitet wurde. „Nach einer Woche war das Video wieder da. Dieses Mädchen weiß genau: Das Video wird sie ein Leben lang einholen“, sagt Barbara Buchegger von der Initiative Saferinternet.at. Und sie fügt hinzu: „Man braucht ein gutes psychologisches Rüstzeug.“

 

So ein Rüstzeug haben nicht alle Jugendlichen, von denen erotisches Bildmaterial erst im Freundeskreis, dann im Netz die Runde macht. 150- bis 200-mal im Jahr meldet sich bei der Beratungshotline Rat auf Draht ein verzweifelter Teenager mit diesem Problem, meist sind es Mädchen ab 15, aber auch Burschen, von allen Schultypen, aus Stadt oder Land.

 

Dabei beginnt es meist ganz harmlos: Verliebte Teenager schicken sich gegenseitig aufreizende Nachrichten, Nacktfotos, explizite Filme von sich selbst. Sexting nennt sich das. Eigentlich ein Privatvergnügen.

 

Zum Problem wird es, wenn die Dateien nicht privat bleiben. Expertin Buchegger beschreibt ein typisches Szenario: Ein Mädchen schickt ihrem Freund via WhatsApp ein Nacktfoto von sich. Er verbreitet es ohne ihr Einverständnis weiter. Entweder, weil er so stolz ist, dass er es auch seinen Freunden zeigen will, oder irrtümlich, weil etwa ein Freund sein Handy in die Hand bekommt. Manchmal passiere es auch nach dem Ende der Beziehung aus Rache. Oder zur Erpressung: Monika Pinterits von der Kinder- und Jugendanwaltschaft Wien erzählt von Fällen, bei denen intimes Bildmaterial als Druckmittel eingesetzt wurde, nach dem Motto: „Wenn du mit mir Schluss machst, stelle ich das Video ins Netz.“ Oder auch für ganz banale Zwecke: „Wenn du mir nicht bei der Hausübung hilfst . . .“

 

Unfreiwillig Pornodarsteller. Wenn es erst passiert ist, wenn das Foto erst einmal seine Kreise gezogen hat, ist die Verbreitung meist nicht mehr aufzuhalten. Bisweilen landet die Nacktaufnahme einer 15-Jährigen auch auf einschlägigen Seiten für Kinderpornografie: Irgendwann gelangt das Foto in die Hände eines Pädophilen, und dieser „hat ein frisches Foto für den Tauschring“, so Buchegger.

 

Die Geschichte hat auch eine strafrechtlich relevante Seite: Abbildungen der Geschlechtsorgane, geschlechtlicher Handlungen oder expliziter Haltungen von minderjährigen Personen gelten als Kinderpornografie, Herstellung und Besitz solcher Bilder sind nach § 207a StGB strafbar. Eine Ausnahme gibt es: Die Darstellung darf mit Einwilligung der gezeigten Person und zu deren eigenem Gebrauch hergestellt werden. Soll heißen: Ein 14-Jähriger darf erotische Fotos von sich selbst machen. Ohne seine Einwilligung darf das Foto aber niemand weiterverbreiten oder auch nur besitzen. Wer ein Nacktfoto einer minderjährigen Person geschickt bekommt, müsse es dem Gesetz nach sofort löschen, sagt Buchegger – freilich ein frommer Wunsch.

 

Astrid Winkler, Geschäftsführerin von ECPAT Österreich, der „Arbeitsgemeinschaft zum Schutz der Rechte der Kinder vor sexueller Ausbeutung“, kritisiert, dass nicht genau definiert sei, was alles unter Eigengebrauch fällt: „Darf ich es an die beste Freundin schicken? Darf ich es an meinen Intimpartner schicken?“ Wirklich geregelt sei dies nicht. Und so kam es schon dazu, dass eine Minderjährige, die erst ihren Expartner anzeigte, weil er die freiwillig und zum Eigengebrauch gemachten Fotos weiterverbreitet hatte, schließlich selbst angezeigt wurde – wegen Herstellung von Kinderpornografie.

 

ECPAT will solche Anzeigen vermeiden, die sexuelle Selbstbestimmung von Jugendlichen soll nicht strafbar sein. In einer Stellungnahme an jene Arbeitsgruppe, die im Justizministerium für die Generalüberholung des StGB zuständig ist, schlägt die Organisation daher vor, künftig zwischen primärem und sekundärem Sexting zu unterscheiden. Ein Jugendlicher, der erotische Aufnahmen von sich selbst macht und mit einzelnen Personen teilt, sollte nicht bestraft werden. Teilt er die Aufnahme mit seinen Facebook-Freunden, wünscht sich Winkler eine „Verwarnung im Sinne des Schutzes der Person. Das sollte als Verwaltungsdelikt behandelt werden“. Erst, wenn die Aufnahme von dritten Personen weiterverbreitet wird (sekundäres Texting), soll laut ihrem Vorschlag das Strafrecht zuschlagen.

 

Schadensbegrenzung. Ungeschehen macht eine Verurteilung ein Foto aber nicht. Was also tun, wenn die eigene Sexualität im Internet erst entmystifiziert wurde? „Nicht in die Ohnmachtsfalle stürzen“, rät Buchegger. Auf Saferinternet.at gibt die Organisation Tipps zur Schadensbegrenzung: Betroffene sollen aktiv nach den Aufnahmen suchen, die Person, die sie hochgeladen hat, konfrontieren und die Seitenbetreiber aufforden, sie zu entfernen. Auf sozialen Netzwerken wie Facebook hätte man da gute Erfolgschancen: „Bei Nacktaufnahmen ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass die Anbieter ein Foto rausnehmen. Die Rechtslage in den USA ist in dieser Hinsicht wie bei uns“, weiß Buchegger.

 

Dennoch kann eine Aufnahme immer wieder hochgeladen werden. Schulen sollen das Problem daher offen ansprechen. „Je offensiver eine Schule damit umgeht, desto besser bekommt man es in den Griff“, so Buchegger. Geht man dabei nicht das Risiko ein, dass auch noch der letzte Schüler vom Sexvideo der verzweifelten Fünftklässlerin erfährt? „Der letzte hat es schon erfahren.“

 

Die Presse 06.09.2014

13.02.2014 | 6:00 | Interview Kurier

Pädophile suchen selten Hilfe Jeder 100. Mann hat pädophile Gedanken. Beratungsangebot wird jedoch nicht angenommen.

Ein Vater missbraucht mutmaßlich sein Kind, ahnt aber nicht, dass ihn ein Arbeiter filmt. Nun ist der Verdächtige in Haft. Wer tut so etwas? Und warum? Antworten auf solche Fragen sucht Reinhard Eher, 50, habilitierter Professor für Psychiatrie, der die BEST, die Begutachtungs- und Evaluationsstelle für Gewalt- und Sexualstraftäter in der Vollzugsdirektion, leitet. Jährlich fassen 200 bis 250 Männer wegen eines Sexualdelikts eine Gefängnisstrafe aus, rund 40 Prozent wegen Missbrauchs eines Minderjährigen. Ehers Job lässt sich so erklären: Er ergründet, warum verurteilte Täter getan haben, was sie getan haben, „verordnet“ ihnen Therapie, und er schätzt ab, ob sie es in Freiheit wieder tun könnten.

 

KURIER: Warum missbrauchen manche Väter ihre Kinder und andere nicht?

 

Reinhard Eher: Man kann es dann erklären, wenn man Einblick in die Situation hat. Zum aktuellen Fall sage ich nichts. Es gibt unterschiedliche Ursachen: Es kann ein Vater schwer gestört, also im engeren Sinn pädophil sein. Diese spezielle Störung ist selten, aber mit einer erhöhten Rückfallgefahr verbunden. In den meisten Fällen ist es nicht so: Meistens stecken hinter pädosexuellem Verhalten Frustration, Hemmungen, Unzufriedenheit.

 

In diesen vielen Fällen ist der Wille für so eine Tat gegeben.

 

Ja. Das sind Menschen, die sich frei dafür entschieden haben – wenngleich sie in einer Stresssituation waren.

 

Nicht jeder Sexualstraftäter ist ein Pädophiler. Gibt es Schätzungen, wie viele pädophile Männer es gibt?

 

Es ist gar nicht so selten. Es gibt Studien, in denen Männer gefragt wurden, ob sie sexuelle Fantasien gegenüber vorpubertären Kindern haben. Daher wissen wir, dass es zwischen 0,5 Prozent bis ein Prozent der männlichen Bevölkerung betrifft. Das heißt nicht, dass diese Männer es auch ausleben.

 

 

Die Uniklinik Charité in Berlin bot Therapieplätze an und wurde von Interessenten überrannt. Bewerbungen kamen auch aus Österreich. Gibt es hierzulande zu wenig Plätze?

 

Derzeit ist es so: Männer, die solche Fantasien entwickelt haben, sind alleine, schämen sich, teilen sich niemandem mit. Sie kommen oft gar nicht auf die Idee, dass es Hilfe gibt. Das ist ein Teufelskreis. In diesem Projekt geht man davon aus, dass die Fantasie an sich noch keine Straftat ist. Denn: Hilfe rechtzeitig in Anspruch zu nehmen heißt, eine Straftat zu verhindern.

 

Gibt es in Österreich genügend Einrichtungen?

 

Es gibt Einrichtungen, etwa die Männerberatungsstellen oder forensische Ambulanzen. Jede psychiatrische Einrichtung muss damit zurechtkommen.

 

Wie verfährt die Justiz mit verurteilten Sexualstraftätern?

 

Wir befassen uns mit dem Täter, mit dem Menschen. Jeder muss an die BEST gemeldet werden. Das führt zu einer Begutachtung, die mit einem 14-tägigen Aufenthalt verbunden ist. Wir schauen uns an, warum er das gemacht hat, was er gemacht hat. Darauf bauen die Maßnahmen auf. Das reicht von Psychotherapie bis hin zu Programmen, in denen man lernt, darauf zu verzichten.

 

Was halten Sie von einer öffentlichen Sexualstraftäterdatei, in der Namen aufgelistet sind?

 

Es gibt dazu ganz unterschiedliche Meinungen. Die Idee ist ja, dass man sich schützen kann. Da kann man sehr klar sagen: Die Hauptgefahr kommt nicht von denen, die bereits verurteilt sind, sondern von denen, die wir noch nicht kennen. Dazu muss gesagt werden: Die Rückfallquote von Sexualstraftätern ist sehr gering. In den ersten fünf Jahren werden fünf bis sechs Prozent rückfällig.

 

Welchen Umgang mit Sexualstraftätern würden Sie sich wünschen?

 

Ich glaube, dass wir in Österreich einen sehr vernünftigen Umgang mit Sexualstraftätern haben. Ich würde mehr in die Prävention, so wie am Beispiel der Charité besprochen, investieren. Wir wissen, dass die meisten sexuellen Straftaten in den Bereich der Dunkelziffern fallen.

 

Interview Kurier

14.11.2014 | 13:56 | Süddeutsche.de | von Thorsten Denkler

Nach der Edathy-Affäre verschärft der Bundestag das Sexualstrafrecht. Das neue Gesetz macht klar: Kinder und Erwachsenen-Sex gehören nicht zusammen. Der Schritt war überfällig. Doch Verklemmtheit sollte kein Erziehungsziel werden.

Es war verstörend, wie der frühere SPD-Bundestagsabgeordnete Sebastian Edathy sich zu verteidigen versuchte. Ja, er habe Bilder nackter Kinder auf seinen Rechnern gehabt. Ja, er habe sie gekauft. Aber nein, das seien keine Bilder gewesen, mit deren Besitz er sich strafbar gemacht hätte. Es klang so, als gäbe es eine Art geduldeter Salon-Pädophilie, die erlaubt sei, weil sie nicht verboten ist. Kinder und Erwachsenen-Sexualität, das gehört nicht zusammen. Dass Bilder nackter Kinder niemals dazu dienen dürfen, erwachsenen Menschen zu helfen, ihre Sexualität auszuleben, müsste selbst Edathy klar gewesen sein – egal, was das Strafrecht sagt.

 

Es gibt viele Verbote, die nicht jedem einleuchten müssen. Regeln, die von manchem als ungerecht empfunden werden. Rechtsstaat bedeutet nicht immer Gerechtigkeit. Hier aber fehlte im Gesetz bisher eine Regel, eine Schranke, ein riesengroßes Stoppschild.

 

Fast ein Jahr nach Beginn der Edathy-Affäre haben sich Politiker aller Parteien für dieses Stoppschild ausgesprochen. Und an diesem Freitag im Bundestag ein Gesetz dazu verabschiedet. Die Botschaft ist klar: Kinder sind grundsätzlich und in allen Lebenslagen tabu für die sexuellen Begierden Erwachsener.

 

Das Gesetz verbietet Geschäfte mit Bildern nackter Kinder. Verboten ist auch der Besitz von Bildern, auf denen Kinder eindeutig sexualisiert zur Schau gestellt werden. Das sogenannte „Posen“ fällt etwa darunter, wenn also Geschlechtsorgane gezielt in den Mittelpunkt des Bildes gerückt werden. Nur solche Posing-Bilder will Edathy sich beschafft haben. Jetzt gelten sie als Kinderpornografie.

 

Das neue Gesetz greift auch in den Alltag ein. Wer am Strand Bilder macht, sollte darauf achten, dass fremde Kinder und übrigens auch Erwachsene darauf nicht auf eine Weise nackt zu sehen sind, die ihnen nachhaltig schaden kann. Die Weiterverbreitung solche Bilder steht dann unter Strafe. Außerdem werden mit dem Gesetz die Verjährungsfristen verlängert und das höchstmögliche Strafmaß von zwei auf drei Jahre erhöht.

 

Eine erste Version war an der Stelle noch schärfer formuliert und hätte womöglich sogar Eltern kriminalisiert, die Bilder ihrer kleinen Nacktbader machen und diese an die Großeltern schicken. Diese Schärfe ist jetzt raus. Das ist gut so.

 

Nacktheit ist nicht verwerflich

 

So unerträglich es ist, dass Kinder zu Sex-Objekten werden können, so sehr muss eine Gesellschaft darauf achtgeben, dass sie darüber nicht den natürlichen Umgang mit Körperlichkeit verliert. Nacktheit ist weder verwerflich, noch wider die Natur. Verklemmtheit sollte kein Erziehungsziel werden. Ein Strand, an dem nicht mal mehr Kinder nackt spielen können, wäre die völlig fasche Schlussfolgerung aus der Edathy-Affäre.

 

Was allerdings fehlt in der Debatte, ist der präventive Gedanke. Erwachsene, die sich von Kindern sexuell angezogen fühlen, brauchen Hilfe. Die Androhung von Strafe hilft vielleicht zu erkennen, dass ihr Verhalten falsch ist und gesellschaftlich nicht toleriert werden kann. Aber eine Gefängnisstrafe hilft ihnen nicht, mit der Neigung umgehen zu lernen.

 

Es gibt einige wenige Modellprojekte für Menschen mit pädophiler Neigung, in denen versucht wird, ihnen zu helfen, nicht zu Tätern zu werden. Diese Projekte müssen ausgebaut werden. Jedes Kind, das nicht zum Opfer wird ist besser als ein Täter hinter Gittern.

 

Süddeutsche.de – Bericht