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Darstellungen von Missbrauch

Missbrauch vs. Missbrauchsdarstellungen -Gedanken zum Fall Florian Teichtmeister

Ein prominenter Anlassfall

Der Fall des Schauspielers Florian Teichtmeister, der sich nun vor Gericht für den Besitz von Darstellungen von Kindesmissbrauch verantworten muss, trifft uns als Gesellschaft an einer besonders sensiblen Stelle.

Er führt wieder einmal vor Augen, wie schwer, ja beinahe unmöglich es ist, Menschen, die in der Öffentlichkeit Ansehen genießen, einem möglicherweise sogar nahe stehen, vertraut sind und sympathisch, als Täter zu denken. Er hatte doch beim Staatsakt für Missbrauchsopfer im November 2016 Missbrauchsprotokolle vorgelesen. Hat sich also scheinbar gegen Missbrauch positioniert. Er wirft wieder einmal die unangenehme Frage auf, wie und woran wir merken, wer Übergriffe begeht und wem wir unsere Kinder anvertrauen können.

13 Jahre lang hat Teichtmeister Dateien angehäuft, beinahe eine Kindheit lang, könnte man sagen. 58.000 Darstellungen von Minderjährigen sind es, davon teilweise auch eigens erstellte Kollagen, mit Gesichtern von Kindern, die er selbst fotografiert hat. Unvorstellbar, aufwühlend – und für die Mehrheit so überraschend. „Das hätte ich nie von ihm vermutet.“ Und einerseits zu Recht: nett schaut er aus, talentiert ist er, in Beziehung lebte er. Und unter Generalverdacht sollen wir Männer ja auch nicht stellen.

Andererseits sind es genau diese Voraussetzungen, diese freundliche Normalität, gepaart mit unserem inneren Widerstreben, uns Nahestehende in Verdacht zu ziehen, die es immer wieder möglich machen, dass Missbrauch über lange Jahre stattfinden kann.

Sind Darstellungen von Missbrauch das geringere Verbrechen?

Im Fall Teichtmeister kommt nun noch erschwerend hinzu, dass es durchaus schon Verdachtsmomente gegeben hatte und diese zumindest in seinem beruflichen Umfeld bekannt waren. Und umso mehr wirkte da – der durchaus auch wichtige – Grundsatz des „Im Zweifel für den Angeklagten“. Doch hat die Geschichte uns vielfach bewiesen, dass diese Zweifel häufiger Betroffene zurücklassen, mit erlittenem Unrecht, das nicht gewürdigt, geschweige denn ausgeglichen wird. Auffallend mehr, als es das Ansehen der Täter beschmutzt, wie die oft geäußerte Sorge lautet. Im konkreten Fall nun liegen zumindest klare Beweise vor, in Form von Bildern und Videos, die er nicht abzustreitend angehäuft hatte. In genug Missbrauchsfällen, so genannten „hands-on“-Fällen, wo der Täter selbst Kinder ausbeutet, gibt es das nicht. Und die Schuld kann häufig nicht nachgewiesen werden. Es wäre jedoch fatal, deswegen die Schwere der Schuld hier kleinzureden. Obwohl auch der geringe vorgesehene Strafrahmen von bis zu zwei Jahren nahelegen zu scheint, es handle sich beim Besitz von Missbrauchsdarstellungen um eine lässliche Verfehlung. Der Gedanke „Er hat ja nicht vergewaltigt, hat nur diese Medien konsumiert“ wird leicht gedacht und mitunter auch geäußert. Und übersieht, dass durchaus all diese Kinder auf den Bildern realen körperlichen Missbrauch erfahren haben und dass darüber hinaus noch die immer wieder kehrende Verletzung jeglicher Intimsphäre passiert, eine fortgesetzte Form der Verletzung, indem dieser Missbrauch dokumentiert und verbreitet wird.

Florian Klenk kommentierte im Falter: „Die Öffentlichkeit muss danach noch etwas akzeptieren: Wenn die Strafe getilgt ist, dann ist der Rechtsfrieden wiederhergestellt. Man darf Teichtmeister dann die Taten nicht mehr vorwerfen …“

Ein juristisch korrekter, menschlich jedoch zynischer und leider doch gängiger Zugang. Der Täter erfährt den präventiven Schutz durch sein Umfeld, das ihn nicht verdächtigen möchte. Wer will schon glauben, der eigene Freund, Bruder, Vater, Sohn, geschätze Kollege würde so etwas tun? Der Täter erfährt medialen Schutz, durch Aussagen wie die oben zitierte. Durch den Appel des eben genannten Kommentators, wir sollten nicht zum „Hang-him-high“ aufrufen – uns nicht laut empören und Gerechtigkeit fordern? Und diese kann nicht bei „bis zu zwei Jahren“ liegen, wenn hunderte, dutzende, oder auch ein Kind den Rest ihres Lebens Narben auf der Seele tragen.

Herauszufinden, was Teichtmeister zu seinen Taten motiviert hat, könnte dazu beitragen,  weitere Taten zu verhindern. Ob durch ihn oder andere (potenzielle) Täter. Es darf aber nicht in ein falsches Verständnis für ihn ausarten, das den Fokus weg vom Leid und den Rechten der Betroffenen lenkt. Dass den Tätern zugestanden wird, sich weiter zu entwickeln, Frieden zu finden, reintegriert zu werden, trotz der begangenen Verfehlung und dabei oft außer Acht gelassen wird, wie eingeschränkt oder im manchen Fällen unmöglich ein Überwinden seitens der Betroffenen ist. Wie fremd sich der eigenen Körper und das eigene Leben für manche von ihnen immer wieder anfühlen wird. Welche Folgen Missbrauch für die Gesundheit, Beziehungen, auf das Leben das haben kann.

Der Rahmen, in dem Darstellungen von Missbrauch Raum finden

Es beschönigt und kaschiert, wie viel Toleranz wir männlichen Grenzüberschreitungen gegenüber immer noch als Gesellschaft zeigen. Wie wir als Gesellschaft nach wie vor das Bild aufrechterhalten, Männer hätten eine Art Grundrecht auf Ausleben ihrer sexuellen Triebe, auch, wenn es sein muss, auf Kosten von Kindern und Frauen. Diese Haltung spiegelt sich in der permanenten medialen Sexualisierung von Frauen und Mädchen. Die Kinder und Jugendliche aufgreifen, selbst reinszenieren, sich online exponieren. Im Umstand, dass Ausbeutung und Missbrauch von Frauen in der Prostitution und Pornografie erlaubt und gesellschaftsfähig sind. Auch Kinder fahren täglich an affichierten Puffs vorbei und es wird nicht hinterfragt, wie sich dabei fühlen und sich das auswirkt. Auch Kinder sehen oft viel zu früh harte pornografische Inhalte und bleiben mit diesen Bildern im Kopf allein.  Es zeigt sich an Figuren wie Andrew Tate – selbst vor kurzem wegen Menschenhandels und Vergewaltigung verhaftet -, der von Jungen und jungen Männern idealisiert wird und dessen verächtliche und ausbeuterische Haltung sie verinnerlichen.

In den eben angeführten Zusammenhängen werden die menschlichen Grenzen kaum bis nicht gewahrt. Und der Schritt bei regelmäßigen Pornografie-Konsumenten hin zum Konsum extremerer sexuellen Praktiken, inklusive Übergriffen auf Kinder und Jugendliche, ist laut Studien auch für nicht primär pädophil veranlagte Täter im virtuellen Raum dann nicht mehr allzu weit.

Nicht selten verquicken sich auch männliches Anspruchsdenken mit sich eröffnenden Möglichkeiten durch die eigenen gesellschaftliche Stellung und finanzielle Bedingungen: nicht zufällig gibt es außer Teichtmeister und Tate reichlich prominente Fälle von übergriffigen Männern, deren Taten nicht oder kaum geahndet wurden. Allein der Sumpf um den Mädchenhandelsring Epstein zeigt exemplarisch auf, wie schwierig es ist, tatsächlich eine Form von Gerechtigkeit herzustellen. Wie wenig groß das Interesse erscheint, wirklich in die Untiefe dessen vorzudringen, was passiert ist und wer alles beteiligt war. Wie bereitwillig wir alle Schuld auf einen oder wenige schieben und erleichtert zurück in den Glauben sinken, damit sei das Problem irgendwie erledigt. Und nicht um uns und in uns blicken müssen. Und nicht auf diese essentielle Frage antworten: wie können wir unsere Kinder besser schützen? Wie finden wir den schmalen Grat zwischen Vertrauen und Misstrauen, der uns erlaubt, viel früher wahrzunehmen, dass jemand in unserem Umfeld solche Neigungen  und ihnen nachgeht? Welches Verhalten müssen wir viel früher adressieren, welche tiefsitzenden Überzeugungen und Routinen überdenken, welche Fähigkeiten schulen, um wirklich etwas zu bewirken?

Unser Präventionsansatz

Bei Innocence in Danger sind wir überzeugt, mit Prävention am besten sehr früh anzufangen. Unsere Workshops beginnen ab der Volksschule. Wir schaffen sowohl Bewusstsein bei den Kindern, was übergriffig ist, dass sie ein Recht auf Schutz haben und was sie selbst bereits tun können, nicht zuletzt, sich Hilfe zu holen.

Und thematisieren mit den Älteren auch beide Seiten: von sexualisierter Gewalt betroffen sein und selbst grenzverletzend handeln. Wir regen an, zu reflektieren, welche Umstände zu Übergriffen führen, trainieren Achtsamkeit im Umgang miteinander. Unser Workshop Angebot für Kinder ab 12 Jahren, mit den Themenschwerpunkten Rollenbilder und Schutz vor sexualisierter Gewalt und Missbrauch, und wie das mit unserem Medienkonsum im Internet zu tun hat, finden Sie hier.

Zum Weiterlesen: ein Kommentar von Petra Stuiber im Standard.